Taifun
Taifune, die asiatische Variante der tropischen Wirbelstürme, “atmosphärische Gefahr”, “Naturgefahr”. Bislang nur aus dem Lehrbuch bekannt, erschien es natürlich als sehr spannend, dieses Phänomen mitzuerleben, was uns in Deutschland ja eher verwehrt bleibt (Überraschung bei den Taiwanesen: “You don’t have typhoons in Germany?!”).
Taifun “Morakot”
“Welche Voraussetzungen werden zur Bildung von tropischen Wirbelstürmen benötigt?”. An diese Klausurfrage musste ich unwillkürlich als erstes denken, als Anfang der Woche die Rede von einem Taifun war. Warme Wassertemperaturen, höher als 26°C, und das Vorhandensein der Corioliskraft. Nun, diese Voraussetzungen sind hier in Taiwan gegeben mit seiner Lage auf dem nördlichen Wendekreis und dem subtropischen Klima. So kam die Voraussage des Taifuns für gleich das erste Wochenende in Taiwan zwar nicht überraschend, jedoch unpassend, da dadurch die geplante Weiterreise zum Praktikum nach Taipei verschoben wurde, wo doch im Disaster Research Center wahrscheinlich Hochbetrieb ist, wenn der Taifun kommt!
Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, dass ich die Aktionen und Maßnahmen im DRC bei diesem Taifun verpassen werde (und natürlich hoffe, dass noch einer kommt
, war ich doch sehr gespannt, was uns nun erwartet, wenn “Morakot”, der achte Taifun dieser Taifun-Saison, welche ungefähr von Juni bis Oktober andauert, auf Taiwan trifft. Wie der Zeitung zu entnehmen, bewegt sich Morakot mit 16 km/h auf uns zu, der Radius beträgt 250 km, womit er ganz Taiwan umfassen wird, die maximale Windgeschwindigkeit ist 144 km/h.
Überraschend erschien mir zunächst, wie unpräzise alle Voraussagen zu Ankunftszeit, Intensität etc. sind. Da Taifune hier ja regelmäßig vorkommen, ging ich davon aus, dass sich schon ziemlich genau sagen lässt, wann es losgeht, wann es am schlimmsten ist und vor allem, wann es wieder aufhört. Während der Tage vor dem Taifun fragte ich regelmäßig bei unseren taiwanesischen Betreuern, was es Neues zum Taifun gibt, die Auskünfte blieben meist vage und sollten es auch während des Taifuns bleiben, vor allem, wenn man kein chinesisch versteht und damit auch keine Nachrichten.
“Taifun Feeling”
Wie ist das nun, wenn der Taifun wirklich kommt? Die einzigen konkreten Erwartungen, die wir alle hatten, waren Wind und Regen, von unseren Betreuern wurde uns zu Hamstereinkäufen geraten, die Vorstellung, die nächsten drei Tage das Haus nicht verlassen zu können, setzte sich einerseits in unseren Köpfen fest, erschien aber andererseits auch irgendwie nicht vorstellbar.
Am zweiten Tag des Taifuns lichtet sich nun das Dunkel der Frage nach den Verhältnissen draußen bei Taifun etwas. So kann man das Haus durchaus verlassen, die Supermärkte und großen Kaufhäuser sind geöffnet, beim Blick aus dem Fenster, oder auch nur beim Hören von Sturm und Regen überlegt man es sich jedoch dreimal, ob man wirklich vor die Tür gehen möchte und in Kauf nehmen, je nach aktuellen Wind- und Niederschlagsverhältnissen innerhalb von 15 min oder 15 Sekunden komplett durchnässt zu sein.
Wenn der Taifun kommt, verfällt Taiwan in eine Art “Taifun-Starre”, wo sonst Tag und Nacht die Geschäfte geöffnet sind, es keine Küchen gibt, weil immer auswärts gegessen wird, werden plötzlich die Kühlschränke in den Wohnheimen befüllt, die zahlreichen Lebensmittelstände an der Straße sind verschwunden und die vielen kleinen “Restaurants” sind geschlossen. Auch Banken, Universitäten etc. bleiben geschlossen, Taifun-Tage sind also arbeitsfreie Tage und Taifune am Wochenende werden gar nicht gemocht. Die Einkaufszentren haben zwar geöffnet, der Ansturm ist aber eher gering, obwohl dies eine der wenigen Möglichkeiten ist, das außerhalb des eigenen Zimmers oder Hauses trockenen Fußes etwas zu tun außer rumzusitzen und das Ende des Taifuns abzuwarten.
Schon am Vorabend des Taifuns, Donnerstag Abend, bekamen wir auf dem Weg zum KTV, also Karaoke, einen Vorgeschmack auf den Taifun mit böigen Winden und starkem Regen. In der kommenden Nacht sollte sich das ganze noch intensivieren, so dass es draußen im Moment dauerhaft so klingt wie bei einem starken Sturm.
Was unterscheidet also einen Taifun von einem Sturm in Deutschland? Am auffälligsten ist die Dauer. So hat sich bis auf Veränderungen in der Intensität von Wind und Regen seit Donnerstag Abend nichts am Wetter verändert. Bei einem kleinen, nassen Spaziergang über die wie leergefegten (wahrscheinlich im wahrsten Sinn des Wortes) Straßen am Freitag Nachmittag fielen vor allem die vielen Äste auf den Gehwegen und Straßen auf, umgekippte Roller, Fahrräder und vor allem auch einige Bäume.
Mit zunehmender Dauer des Taifuns steigt der Wasserspiegel im Wohnheim – in Fluren und Aufenthaltsräumen, aber auch in manchen Zimmer, manchmal nur an den Rändern der Fenster, manchmal aber auch cm-tiefe Lachen, welche sich vom Fenster aus im Raum verteilen. Windböen treffen in unregelmäßigen Abständen auf das Haus, das Fenster wird zu einer Wasserwand, draußen ist es dunkel trotz noch recht früher Stunde. Gefühlte Katastrophenstimmung im Haus, fast keiner auf den Fluren, in den Aufenthaltsräumen, alle hocken auf ihren Zimmer vor ihren Laptops, Fertignudeln mit Heißwasser haben Hochsaison, wer sich doch raus wagt, trägt ein stylisches Ganzkörperregencape.
Am Sonntag Morgen hatten sich Sturm und Regen gelegt, endlich konnten wir das Wohnheim mal wieder trockenen Fußes verlassen. In den Straßen sah man schon, dass ein Sturm gewesen war, Äste und Blätter auf den Straßen und Gehwegen, einige umgestürzte Bäume, die Aufräumarbeiten fingen an.
Den Eindruck, den man in Deutschland vom Taifun anscheinend bekommen hat, kann ich bislang jedoch noch nicht bestätigen. Tainan scheint glimpflich davon gekommen zu sein, in Taipei ist gar nichts zu sehen.
Da ich von Deutschland immer wieder höre, dass dies der schlimmste Taifun der letzten Jahre gewesen sei, habe ich mich mal bei einem Kollegen hier am Disaster Research Center erkundigt. So handelt es sich nach der Skala des Meteorologischen Dienstes hier, welche die Stärke anhand der Windstärke bestimmt, nur um einen mittelstarken Taifun. Dadurch, dass jedoch sehr viel Niederschlag über längere Zeit herunterkam, mehr und länger als erwartet, da die Geschwindigkeit des Taifuns über Land abnahm, ist es zu großen Überflutungen gekommen, vor allem im Süden. Der Kollege sagte gerade beim Mittagessen noch, dass auch Tainan jetzt überflutet sei, was ich mir noch nicht so richtig vorstellen kann, gestern war noch alles trocken.
Bislang habe ich mich auch gewundert, dass alle hier sind, obwohl der Taifun ja nun war und es eigentlich viel zu tun gibt. Aber die Aufgabe des Disaster Research Centers ist es wohl, vor und während des Taifuns zu beraten mit Wettervorhersagen, Vorhersage der Flutgefahr etc. Nun ist es zunächst Aufgabe der Regierung, mit den Folgen umzugehen und diese zu beheben, bevor dann eventuell wieder der Auftrag an das Disaster Research Center geht, die Folgen zu erforschen – ich hoffe, ich bin dabei, wenns rausgeht
Ein paar Eindrücke vom Taifun selbst, den Aufräumarbeiten und den Folgen findet ihr hier:





Und in so ein gefährliches Land lass ich dich reisen… Naja, der Eindruck, der in Deutschland entstanden ist, ist vor allem von diesen Bildern geprägt, denke ich:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/815008?inPopup=true
Viel Spaß noch beim Taifun-forschen! :-*
August 11, 2009 um 9:54 vormittags